Antisemitismus5

Der Vorstellung des guten und normalisierten Deutschlands steht eine Realität gegenüber, in der Menschen bis heute fürchten müssen, dass die Polizei ihre Adressen an Nazis weitergibt, in der Waffen gehortet werden und Sprengstoff einfach so aus den Beständen der Bundeswehr verschwindet. Und die vorauseilende Dankbarkeit für die (nicht nur) jüdische Versöhnung verstellt den Blick darauf, dass die deutsche Gewaltgeschichte nicht zu Ende ist, weil eine Seite sich das wünscht. Sondern dass sie in neuen Formationen weiterhin lebensbedrohliche Realitäten erzeugt und Ungerechtigkeit fortschreibt. Angesichts dieser Situation muss die Gleichsetzung von Erinnerung und Versöhnung als das bezeichnet werden, was sie ist: Ausdruck der Bedürfnisse eines Teils dieser Gesellschaft, der sich seiner Handlungen schämt und wünscht, diese unangenehme Geschichte möge sich recht bald in Wohlgefallen auflösen. Die darin enthaltene Hoffnung auf die Normalisierung von Nationalhymne bis Heimat ist Teil dieser Wunschvorstellung. Das mag nachvollziehbar sein, es mag auch politisch opportun sein – aber es gilt eben nicht für alle Menschen, die in diesem Land leben. Und die untröstlich sind über das, was ihnen und ihren Familien angetan wurde. Und es bleiben werden.